Reisetagebuch

Wir nehmen euch hier für jede einzelne Etappe des Spendentransportes mit, sodass ihr konkret seht, wo eure Spenden ankommen.
Die Eindrücke stammen dabei von Sven Weißflog, der den Transport gemeinsam mit Heinrich Löwen vom Verein der Döbelner Evangeliums-Christen-Brüdergemeinde sowie weiteren Partnern organisiert und durchführt.

Vor und zur Abreise am Sonntag, 7.12.2025

Alle Akkus sind geladen, danke an Claudia im E-Plus-Shop Niedermarkt Döbeln für's Sortieren.

Das Döbelner Team mit dem Friedenstransport.

Wir rollen endlich - mit Gottes Segen!

Montag, 8.12.2025

Wir erreichen kurz vor Mitternacht die ukrainische Grenze und sind tatsächlich schon nach einer Stunde "drin". Wir werden dann noch acht Stunden bis Cernovtski fahren und in den frühen Morgenstunden bei Sonnenaufgang Grischa (unseren ukrainischen Kontakt) erreichen.

Grischa hat bitterlich geweint beim Essensgebet. Es sind so viele Menschen, die Hilfe brauchen und es fehlt an allem. Er meinte, es hätte uns wirklich Gott geschickt, der seine Gebete erhört hätte.
In der ganzen Stadt fehlt teils über mehr als 15 Stunden der Strom, die Notstromaggregate rattern überall - es ist eine böse Vorahnung vor einem bitterbösen Winter mit sich weiter verschlechternden Bedingungen für die Menschen im Land.

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Wir hatten zur Weihnachtspost für Grischas neues Projekt einer Flüchtlingsunterkunft in Cernovtski an der rumänischen Grenze gesammelt. Dort sollen Menschen aus den Kriegsgebieten vorerst eine Übergangsbleibe finden, bevor neue Wohnungen gefunden sind. In Cernovtski herrscht rege Bautätigkeit, überall werden große Wohnblöcke hochgezogen, um den Menschen in der Restukraine eine neue Heimat geben zu können. 

Wir besichtigen kurz den Rohbau des niederländischen Schnellbauhauses mitten auf dem Feld außerhalb der Stadt. Viele Einrichtungsgegenstände haben wir bereits in unserem Transport dabei, auch die Küche, die genau dort ihren Platz finden wird. 


Im Außenlager im Vorort von Cernovtski herrscht Vollbetrieb und wir laden die Dinge für das Flüchtlingshaus aus und füllen den freien Platz in unserem Transporter und Hänger mit Lebensmitteln und anderen Gegenständen auf. 


Denis, Grischas Sohn, belädt den LKW-Hänger mit Hilfsgütern aus dem Lager. Der LKW selbst wird erst später in der Nähe von Kiew mit Lebensmitteln beladen. Denis selbst wird diesmal nicht mitfahren.


Maik und Viktor werden Transporter und Hänger hier am Lager komplett entladen, bei Grischa zu Hause etwas schlafen und dann die Heimreise antreten. 
Wir werden noch heute Abend nach Kiew aufbrechen und hoffen, dort nachts noch laden zu können. Es wird unsere erste 24h-Schicht. 
Grischa kam heute früh aus der Nordukraine von einem Hilfstransport - er ist in der gleichen Schicht.


Alla packt noch mit den Frauen die Süßigkeiten-Päckchen: Es werden am Schluss 250 Tüten. Danke an die Brüdergemeinde Döbeln, die dafür 1.000€ zusätzlich gesammelt hat. Mit ukrainischen Preisen konnten wesentlich mehr Päckchen finanziert werden. 

Dienstag, 9.12.2025

Nach acht Stunden Fahrt sind wir zum Laden des LKW um 2 Uhr Dienstag früh in Skvyra südlich von Kiew angekommen. Die 1.400 Pakete werden wohl erst früh geladen, auf unser Klopfen hat keiner reagiert. Also jetzt vier Stunden im Sitzen schlafen. Heinrich wollte den Fahrersitz - aus Höflichkeit - aber da sitze ich schon drauf. Eine weiche Liegeposition wäre echt klasse ;)


5.40 Uhr: der Notstromer wird gestartet. Ich spreche auf Englisch die Beladung ab. Wir können 7 Uhr laden. Der Halbschlaf im Sitzen hat zum Glück bald ein Ende.

7.15 Uhr: Wir sind beladen mit 7 Tonnen Lebensmitteln in 1.400 Care-Paketen. Es ist Grischas 31. Fahrt dieses Jahr, davon über 90% mit diesen Paketen aus Skvyra.

Nicht alles läuft nach Plan: Die Kupplung rastet nicht mehr ein und wir bauen eine Stunde daran.

Frühstück mit Gottes Segen und Gebet. Ich vergesse meine fleischlosen Vorsätze: Der Körper geht langsam in den Notbetrieb und funktioniert automatisch. In 10 Minuten geht es Richtung Viktor und dann zu Wanja. Die innere Anspannung steigert sich weiter. Da hilft das Notprogramm - den Fokus scharf zu stellen.

Unsere Route heute: zuerst den Hänger abstellen in Krywyj Rih bei der dortigen Brüdergemeinde, dann weiter bis zu Viktor nach Bila Krynytsia. Das Gebiet dort war bis November 2022 russisch besetzt, großflächig zerstört, vermint und es fällt uns schwer, dort eine Perspektive zu sehen. 
Trotzdem sind dort ca. 50km hinter der Frontlinie die Menschen gestrandet, die dem unmittelbaren Kriegsbereich entkommen wollten.
Insbesondere die Kinder aus den Frontstädten leben dort und werden teils beschult. Genau für diese Kinder haben wir unsere Weihnachtspost gepackt.

Unsere heutige Hauptaufgabe - eigentlich wie immer: 1. sehr lange fahren (heute waren es nur 10 Stunden), 2. Rangieren und Abladen.

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Unterwegs während der Spendenfahrt...

Wir nähern uns der Front, fahren allerdings parallel im erforderlichen Respektsabstand. 
Das Kriegsgerät bestimmt zunehmend mit das Straßenbild, allerdings sind die Checkpoints meist verwaist, ebenso die bisher durchgehenden Kontrollen, die wir in den Vorjahren sogar in der Westukraine und den Karpaten kennenlernen durften. Es fehlt inzwischen an Personal für diese nicht kriegsentscheidenden Formalien fernab der Front.

In Krywyi Rih, wo wir heute den Hänger zum Ausladen abstellen, sind zwar Kriegsspuren, aber scheinbar ist noch ein normaler Alltag möglich. Strom ist inzwischen überall Mangelware - unsere neun Notstromer werden nur ein Tropfen sein...

Mit dem Oblast Cherson enden die Straßen, wie wir sie kennen. Wir brauchen die ganze Straßenbreite, um überhaupt durchzukommen. Die Hängerdeichsel pflügt durch die Schlaglöcher. Bis jetzt steht der große Notstromer für Charkiw noch sicher auf unserem Hänger.

Viktors (rechts im Bild) Erzählungen des letzten Jahres sind verstörend: Beryslaw, da wo noch vor Monaten die Eltern seiner Familie lebten, gibt es praktisch nicht mehr - ein Haufen Schutt... Morgen früh starten wir 8 Uhr nach Cherson. Wir reden über die katastrophale Lage dort, über ständige Drohnenangriffe - auch im Hinterland - und die daraus resultierende latente Gefahr. Es gibt inzwischen graue Kampfzonen, da wo die Drohnen noch hinkommen. Diese erweitert sich ständig, auch da zum Beispiel Tandemdrohnen in das Hinterland fliegen und ihre aufgesetzten Drohnen weiterfliegen.

Beryslaw habe ich rot markiert. Der Dnepr ist der Frontverlauf seit über drei Jahren, dort befindet sich die rote und aktive Kampfzone.

Mittwoch, 10.12.2025

Wir haben tatsächlich geschlafen, aber nicht wirklich gut. Heute früh ist die Nacht zu Ende, bevor der Wecker klingeln kann. Alle sind unruhig - wir wissen nicht, was uns erwartet, ein dystopisches Gefühl: Drohnen beherrschen die Szenerie, machen Jagd auf alles, was sich bewegt. Das deckt sich mit Grischas Berichten.  
Grischa betet, schickt Nachrichten. Ich mache mein Handy ganz aus, um nicht angepeilt werden zu können.
Wir verkleben alle roten Kreuze in der Hoffnung, dass dies den Unterschied macht. Dann fahren wir los mit Gott nach Cherson. Zu Wanja, der bereits wartet.

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Es gibt entweder fast keine Straßen oder sehr neue. Die Zwischentöne fehlen. Die Straßennetze beginnen als Drohnenschutz ca. 20km vor Cherson und sind inzwischen kilometerlang überall der neue "Kriegsstandard". Es erscheint mir so unwirklich, wie ein menschengemachter Riesenkäfig, absurd als erster Eindruck. Aber mir fehlt der Kompass, die Erfahrung. Wir setzen die Helme auf und mehrfach gleich wieder ab, um bei den Checkpoints nicht aufzufallen. Für die Schutzweste war keine Zeit, als wir in den Vogelkäfig einfahren. Ich bin verunsichert und möchte alles richtig machen, es fehlt die Gelassenheit und ich möchte trotzdem nicht wie ein Fremdkörper wirken. Wanja, Mascha und Grischa haben auch nichts, auch wenn Grischa Arthur mit Verweis auf seine Kinder ihm die Splitterweste gibt. Ich lasse unsere Schutzsachen im Auto zum Entladen und verlasse mich auf die Einheimischen und auf meinen gesunden Menschenverstand.

Die gute Nachricht zuerst: Wanja und Mascha haben uns am Ortseingang vor den Checkpoints abgeholt. Wir sind ohne auszusteigen und ohne Begrüßung zuerst losgedonnert. Auf Funkanweisung haben wir uns dicht hinter Grischas LKW gehalten, um unser deutsches Nummernschild zu verbergen. Es ist wohl eine der sehr wenigen "Stadtfahrten" dieses Jahr, da selbst Grischa zuletzt nicht mehr reingelassen wurde. Begrüßung beim Abladen, hektischer Abbruch und Verstecken in der Garage beim Drohnengeräusch, dann weiter abladen und sortieren der Dinge, die in Cherson gebraucht werden. 
Wanja ist ein harter, kantiger Mann, der seine Gefühle gut kontrollieren kann, während Mascha einen strahlenden Blick behalten hat. Ich weiß aber, wie viel Kraft unsere Reise Wanja gibt. Ganz leise hat er es Heinrich erzählt, auch wie oft er verzweifelt ist. Zum Abschied drückt er uns. Er überrascht mich mit einem herzlichen Kuss auf die Wange. Untypisch, dieser Gefühlsausbruch.

Zum Abladen ist bereits alles berichtet. Wanja möchte uns noch schnell zum Gottesdienst fahren. Ich bin verwirrt, das Bethaus lag schon letztes Jahr in der roten Kampfzone. Da würde uns Wanja niemals hinbringen.

Wir steigen in Wanjas Auto und fahren Richtung Stadt. Ich habe meiner Frau versprochen vorsichtig zu sein. Jetzt traue ich mir nicht, meine Splitterweste und den Helm zu tragen. Denn Wanja, Mascha und Grischa haben auch nichts, auch wenn Grischa Arthur mit Verweis auf seine drei Kinder ihm die Splitterweste gibt. Ich lasse unsere Schutzsachen im Auto zum Entladen und verlasse mich auf die Einheimischen und auf meinen gesunden Menschenverstand.
Der Drohnenwarner ist inzwischen überall an Bord und schafft die üblichen acht Frequenzen, das sind ca. 80-90% an machbarer Sicherheit.

Das Bethaus ist tatsächlich gleich um die Ecke im EG eines Plattenbaus im Zentrum. Es ist mehr als gar nichts. 
Draußen erwartet uns die TCK (= Territoriales Zentrum für Zusammenstellung), es sind die Hascher, die Frischfleisch für die Front einfangen. Auch deshalb sind Wanjas Helfer tagsüber nicht zu sehen. Wir beeilen uns, den Platz zu verlassen. Ich habe bei der Anfahrt einen Hauch von "Stadt" gespürt, deshalb laufe ich nochmals schnell um den Häuserblock zur anderen Straßenseite.

Und dann plötzlich und völlig unerwartet: Menschen, Autos, Markt - das Ganze unter den Netzen mitten in der Stadt, da wo das temporäre Bethaus nun ist. 
Wanja erzählt, dass nun sogar ein Magasin aufgemacht hat, mehrere Marktstände bieten hauptsächlich frisches Obst und Gemüse an. Ein Kaffeefreisitz ist zu sehen. Es erscheint absurd, aber wie soll der Lebensalltag für die noch ca. 40.000 Menschen der einstmals 280.000 Einwohnerstadt sonst noch gelebt werden? Fast trotzig stemmen sich die Wohnhäuser und deren Bewohner gegen ihre Vertreibung in der grauen Zone. Unten am Fluss in der roten Zone geht es wesentlich heftiger zu: Fast jede Nacht Angriffe und Abwehrkämpfe - im Osten seit drei Jahren leider nichts Neues... Es erinnert mich an den Film von Remarque aus dem ersten Weltkrieg.

Nun zur MadMax-Erfahrung Dezember 2025 in Cherson: Auf der Zufahrtsstraße liegen Autowracks ausgebrannt, zerschossen, auf dem Dach oder nur noch als Fragmente wie in einem Videospiel herum. Kleine Bombenkrater ca. 2m sind mit Halteverbotsschildern abgedeckt. Sind das die 155 mm Geschosse, die jetzt gleich vor Ort in neuen Rheinmetallfabriken hergestellt werden, jedoch auf der anderen Flussseite das Gleiche "produzieren" sollen? Verwüstung und Müll überall. Die Ruinen sind nochmals mehr geworden. Die Hunde streunern herum, Rabenschwärme sitzen auf noch gespannten Leitungen, viele Leitungen in Frontnähe hängen traurig herunter. Die Bahngleise wachsen zu. Die schweren Donnerschläge sind zu hören und zu spüren. Endzeitstimmung...

Wir verlassen Cherson ca. 13 Uhr und essen zusammen ca. 40 km westlich außerhalb der grauen Zone. Es waren genau drei Stunden in der grauen Zone, die Anspannung lässt nach und wir sind froh wieder "draußen" zu sein.
Wie kann man dort leben ohne verrückt zu werden!?
Der Respekt vor den beiden, die nun wieder zurück in die Stadt fahren, ist nicht zu beschreiben...
Dann verabschieden wir uns von Mascha und Wanja und fahren nach Krywyj Rih, den Hänger von Grischas LKW holen. Wir wollen heute noch nach Charkiw zum anderen Viktor, um das große Notstromaggregat für die Bäckerei dort abzugeben. Es wird wieder eine lange Fahrt...

Es wird wieder eine lange Nacht. Die Hängerabholung kostet viel Zeit, der Verkehr ist intensiv, aber: Mein Glaube an ein befahrenes Straßennetz kehrt zurück. Wahrscheinlich ist Cherson auch von den Zufahrtsstraßen eine besondere Herausforderung. Aber es ist ja kein Wunschkonzert. Die Strecke ist quälend lang. Grischa überholt überall, es gibt nur Vollgas. Ich kämpfe verbissen, um dranzubleiben, obwohl Grischas Hängerzug schwerfälliger sein sollte... 
Wir rauschen förmlich im Anschlag durch unzählige Städte und Dörfer, egal was die Straßen und Verkehrsschilder zulassen, passieren erheblich mehr Checkpoints, die auch alle aktiv sind und begegnen immer mehr Militärgerät, Pickups, Tarnnetzen, Bunkern und Soldaten. Alle scheinen es eilig zu haben... Hier ist die Front nicht eingefroren. Es gibt "aktive" Bewegungen.

Route bis nach Charkiw.

Es ist nach Mitternacht, als wir mit genügend Helfern das mindestens 500 kg schwere Notstromaggregat mit Muskelkraft vom Hänger ziehen. Die Zuladung vom Hänger landet erstmal im Transporter, da ist bereits in Cherson Platz geworden. Viktor zeigt seine Bäckerei am Bethaus. Mit dem Aggregat soll es wieder Brot geben. Grischa ist glücklich, seine Gebete wurden erhört.

Donnerstag, 11.12.2025

Dann machen wir, wofür wir losgefahren sind: Abladen (wer konnte noch daran zweifeln, dass nachts noch entladen wird?).


Abgeladene Spenden und Weihnachtsgeschenke. Unser Viktor in Charkiw ist glücklich.


 

Das Essen wartet schon. Es ist 1.30 Uhr am Morgen.

 

Wir verschlafen alle und treffen uns erst zwei Stunden später zum Frühstück. Es bleibt Zeit zum Reden. Die Front liegt ca. 30 km östlich, 2022 war sie bereits vor der Tür. Auch hier sind die dumpfen Kanonendonner Alltag. 
Die temporären Raketenstellungen werden nachts umgesetzt und aufgebaut, abgeschossen und sofort wieder verlegt. In der Konsequenz gibt es auch Beschuss im Hinterland. Der Frontverlauf ist hier aktiv in Bewegung und ein Thema in den Zukunftsplänen der Menschen. 


Ich bin froh mit unserer Aufteilung der Hilfsgüter. Die Brüdergemeinde hier ist sehr aktiv und hat noch mehr Möglichkeiten als Wanja. 
Und die Kinder hier bekommen auch unsere Döbelner Geschenke.


Wir frühstücken 9 Uhr, wie überall bewirten uns die Menschen mit großer Herzlichkeit. Ich schäme mich ein bißchen und erinnere mich an die Care-Pakete, die wir gestern in Cherson in Cherson abgeladen haben. Wanja erzählte, dass diese rationiert sind und nicht für alle reichen. Dieses Frühstück hier ist purer Luxus und extra für uns gemacht.

Viktor ist immer zentral und ansprechbar (auf den vorherigen Bildern im Schaukelstuhl und an der Stirnseite des Tisches) und deshalb Grischas große Stütze hier. Er hat ein klasse Team, welches Fronthilfseinsätze fährt, Hilfsgüter verteilt uvm. Dazu komme ich noch.
Er hat mit seiner Frau Lena keine eigenen Kinder, dafür haben die beiden insgesamt zehn Kinder adoptiert, was in dieser entwurzelten Welt zwar schnell geht, jedoch auch eine riesige Verantwortung ist. Alle haben zu Hause Schule, sind freundlich und aufmerksam. 


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... und drei von ihnen bringen uns ein Ständchen.

 

Neben vielen anderen lerne ich David kennen. Er ist in christlicher Mission mit seiner Frau aus Mannheim kommend seit elf Monaten in der Ukraine und regelmäßig in Charkiw bei Viktor dabei. Da er deutsch spricht, kann ich schneller Informationen austauschen und die Gefährlichkeit, die sich in den letzten Monaten extrem gesteigert hat, besser erläutert bekommen. 
Er erzählt vom gestrigen Fronteinsatz, von Drohnenjagden auf Helferautos, von verletzten Helfern durch Granatsplitter und von Micha, der so gar nichts zu fürchten scheint. Den lerne ich später noch kurz kennen. 

 

Wir besuchen Viktors Flüchtlingshäuser. Man erkennt Grischas Fassaden-"Handschrift", auch hier hatte er mitgeholfen. Beim anschließenden Gebet sehe ich die Emotionen in allen Gesichtern. Auch weil ich der ukrainischen Sprache nicht folgen kann und weiterhin von dem Geschützdonner von der 30km entfernten Front abgelenkt bin.

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Wir gehen in ein Flüchtlingshaus hinein.

Ich frage vorsichtig, ob ich mal in ein Zimmer schauen kann. Unsere Möbel sollen helfen und mir fehlt das Gefühl für die Gegebenheiten. 
Eine 80-jährige Frau führt uns freundlich zu ihrem Zimmer. Der Raum wird schon durch die zwei Betten ausgefüllt. Es liegt ein Mann im Bett. Ich entschuldige mich für mein wenig sensibles Verhalten. Die Frau winkt ab. Es ist ihr wichtig, dies zu erklären. Heinrich übersetzt: Ihr Mann ist seit acht Jahren teils gelähmt und blind. Er hört also, was wir sagen. Sie bedankt sich intensiv und mit Tränen für die Hilfe dafür, dass sie hier leben und ihren Mann menschenwürdig pflegen kann. Gott hätte ihr diesen Auftrag gegeben und sie hier reich beschenkt. 
Ich bleibe verstört zurück. Mir fällt spontan meine jetzt 85-jährige Mutter ein mit ihren traumatischen Erzählungen als Flüchtlingskind mit insgesamt 40 Familienangehörigen im Dresdner Hauptbahnhof in den Bombennächten im Februar 1945. 
Warum dies alles...?

Die Zeit eilt, wir halten nochmal kurz am Bethaus, wo wir in der Nacht das große Notstromaggregat abluden, verabschieden uns von Viktor und treten die Rückreise an. Grischa hat über 13, wir über 21 Stunden reine Fahrtzeit. Bis weit hinter Kiew werden wir gemeinsam fahren. Die nächsten Kilometer bis weit hinter Charkiw zeigt im Tageslicht nochmals die kriegerische Realität.

 

Überall Flugabwehr, die Männer in den Autos warten auf Einsatzbefehle.

Charkiw ist ebenfalls Frontstadt. Überall sind Bunker, Tarnnetze und Schützengräben zu sehen. Die Sirenen heulen. Das scheint hier niemanden zu stören. 
Östlich von Charkiw werden Drohnennetze über den Straßen aufgebaut.
Ist das die neue Lebenswirklichkeit Weihnachten 2025 hier?

Westlich von Charkiw melde ich per Funk Tankbedarf an. Wir halten spontan an der nächsten Tankstelle. Die Fenster sind bis 2 Meter Höhe mit Sandsäcken und Folien verbarrikadiert. 

Ein Teil der Tankstelle fehlt.


Die WC-Reinigung erfolgt bei den temporären Anlagen. 

Im Gebäude, welches noch da ist, sind auch in den Decken die Risse der Druckwellen sichtbar.


Trotzig hängen die blau-gelben Fahnen mit Emblemen und Widmungen über den Regalen.

Draußen stehen die Tieflader mit den Panzern zur Verlegung an den nächsten Verteidigungs-Hotspot.

In Kiew erfasst mich wieder diese Unwirklichkeit wie letztes Jahr. Eine ganz normale Großstadt. Wir rasen mitten durch, jeder mit den Gedanken schon halb zu Hause.

In Schytomyr an der Tankstelle endet unsere gemeinsame Fahrt. Grischa und Arthur werden noch mindestens acht Stunden nach Süden, wir am Ende noch über 20 Stunden Richtung Westen fahren.
Beim Tanken kommt zufällig das Team aus Charkiw ebenfalls auf der Heimfahrt zum Tanken rein.
Und so entsteht unser gemeinsames Abschiedsfoto mit der Friedensfahne.

Mit dabei ist der 22-jährige Micha, über den alle reden und dessen Einsätze allen Respekt abgewinnen. Es gibt Videos, wie er unter Beschuss eine Frau ins Heck des Ladas packt. Dann Bilder vom zerschossenen blauen Lada und dessen notdürftige Instandsetzung zum nächsten Himmelfahrtskommando. Er hat schon Verbrennungen und Verletzungen überstanden und unser Kanzler würde dazu sagen, dass er die Drecksarbeit im Helfermillieu erledigt.
Vor elf Jahren bereits als Kind im Donbass mit Kriegserfahrungen geprägt, scheint es für ihn kein "aber" mehr zu geben. Damals eingekesselt trank er 2014 Heizungswasser, um zu überleben. Es ist eine andere Welt...

Auch Michas derzeitiges Fahrzeug hat seine "Helferpatina" in Form von Durchschüssen und Einschlägen schon bekommen. Es fällt uns schwer, unter diesen düsteren Prognosen uns mit Friedenshoffnungen zu verabschieden. 
Wir wünschen Gesundheit und im Abschiedsgebet vor allem Gottes Segen.

Freitag, 12.12.2025

Freitag, 8 Uhr Ankunft: 

Unsere Europäische Union begrüßt mit intensiver Visite mit Hygienehandschuhen und genauer Kontrolle aller möglichen Utensilien. Tausend Fragen warum, woher, wieso und langes blödes Rumstehen am Schalter. Das ganze mehrfach. Trotzdem sind wir mit vier Stunden fast schon sportlich "durch" und drin.
Das Ganze erscheint besonders absurd, nach den letzten Tagen und unseren Erlebnissen, einfach lächerlich. 
Es stehen extrem viele Busse zur Ausreise in der Schlange. Die Welle der 18-23-Jährigen scheint ungebremst aus dem Land zu streben... Auch das deckt sich mit unseren Erfahrungswerten im eigenen Landkreis.

Emotionen

Wir sind noch verbunden mit Grischa und hängen unseren Gedanken nach. Kaputt aber glücklich, dies alles so geschafft zu haben. Die Straße zieht sich noch endlos, noch tauchen keine deutschen Schilder auf. Ich suche Musik gegen die Ermüdung und ein Mitsind-Lied für Heinrich. Mir kommt das Glashaus in den Sinn: Von guten Mächten, geschrieben von Dietrich Bonhoeffer 1944 im Naziknast vor seiner Hinrichtung. 

Bei der Textpassage: "Lass warm und hell die Kerzen heute flammen die du in unsre Dunkelheit gebracht. Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht" rollen mir die Tränen über die Wangen. Wird es Versöhnung geben? So wie uns die Russen nach 27 Millionen Toten im 2. Weltkrieg verziehen haben? Was kann unser Beitrag hierzu sein? Frieden ist mehr als Glück - es waren meine letzten Worte zum Ukraine-Vortrag zur Weihnachtspost vor zwei Wochen.

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Zu Hause

Endlich, wir rollen durch vertraute Straßen. Ich frage Heinrich, ob ich kurz bei Alexandra auf Arbeit halten kann, um sie zu umarmen. Ich habe ein schlechtes Gewissen wegen meiner angeblich gefahrlos benannten Reise und bin selbst froh über das gute Ende. Zu Hause ist niemand. Ich spüre die extreme Wärme in der Wohnung, fotografiere den Weihnachtsbaum und schicke das Bild an Grischa mit der Info, nun zu Hause zu sein. Seit vergangenen Sonntag 12 Uhr hat das Auto fast 5.000 km mehr auf der Uhr und mehrere Be- und Umladungen erlebt. Dankeschön Auto!

Es kommt eine Nachricht von Denis zurück. Er bedankt sich und wünscht: "Frohe Weihnachten und einen friedlichen Himmel über dir!" Sofort sind die Bilder mit den Drohnennetzen präsent. Mir fallen wieder die emotionalen Worte einer Mutti ein, die den Keller für die ukrainischen Kinder mit vielen lieben Erinnerungen an ihre Kinder geleert hatte: "Uns geht es so gut. So fucking gut."

Samstag, 13.12.2025

Samstag früh nach dem Kaffee mit Alexandra gehe ich noch im Dunklen mit unserem Hund Joschi die erste Runde. Es ist neblig und still, das Gras auf dem Feld zur Butterbüchse hinauf klatschnass, die Luft kühl und angenehm. Der Blick ins tief eingeschnittene Muldental nach Norden lässt schemenhaft die langsam erwachende Stadt durchschimmern. Schön, wieder hier zu sein. Joschi fängt an zu graben, riecht in die Mäuselöcher hinein. Füchse oder Hasen haben bereits erheblich größere Löcher überall gescharrt. 
Ich muss an die Krater in den Straßen von Cherson denken. Dann fallen mir die Minenfelder vor Cherson ein. Kein Hund könnte dort ungestraft buddeln. Meine Ruhe ist wieder weg. 

Ich sehe die Minensucher  mit ihren Plexiglas-Gesichtsschutz und den Splitterwesten und denken an den ganzen Irrsinn dort. Ich erinnere mich an meinen Reisebericht vom 12.12.2024 kurz vor Cherson vor einem Jahr und genau das ist nun dort Realität:

Nach 2.000 km, einem betäubten Hinterteil vom Sitzen, genau 30 min. Kurzschlaf bei 34 Fahrtstunden sind wir nun bei Viktor und seiner insgesamt 11-köpfigen Familie gelandet. Ich hatte beim Hinterherfahren hinter Denis 10 Stunden Zeit zum Nachdenken über unsere Mission, den Leuten hier Licht, Strom und andere Errungenschaften aus dem 19. Jahrhundert wieder zurückzubringen. Das Ganze mit riesigem und riskantem Aufwand, Zeit und Energie für einen kleinen Sprinter voll klitzekleiner Hoffnung?
Viktor erzählte von der zu 95% zerstörten Heimatstadt Berislav der Eltern seiner Frau, in welcher noch 800 von ehemals 13.000 Einwohnern wohl mehr hausen als leben. Genau dort an der Antonnov-Brücke waren wir vor zwei Jahren.
Neben dem Dorf hier zogen vor über zwei Jahren 3.000 ukrainische Soldaten in die Schlacht, nur 500 kamen lebend zurück. Die blutgetränkten Felder sind noch vermint, in den Straßen stecken noch Zünder und Raketenteile.
Und ich fahre mit Kerzen und Taschenlampen um die Welt...? 
Eine Taurusrakete kostet 1 Million Euro, das wären 100 meiner Hilfstransporte... Oder besser noch gar keine Raketen und Frieden JETZT. Alle hier wollen das und Menschlichkeit auch mit dem Gegner. 
Wer an den Raketen verdient, weiß hier auch jeder, aber leider auch, wer die Zünder und den ganzen Dreck hier wieder aus der erde holt. Gleich daneben liegen sie, die viel zu vielen und zu jungen Söhne, Väter und Brüder jeder Gemeinde - geopfert in einem sinnlosen und schon viel zu langen Gemetzel. Im Osten nichts Neues...

Viktor hatte diese Woche ergänzt, dass in Berislav kein Stein mehr auf dem anderen liegt. Die Toten konnten teils nur im Garten verscharrt werden, Hilfe kam nicht mehr an. Wer nicht verbuddelt werden konnte, wurde von den Hunden abgenagt. "Berislav has fallen" - macht doch einen Netflix-Action-Thriller daraus, das passt in diese Welt hier gut hinein!

Die Wut und Hilflosigkeit kommt wieder hoch: Wer baut den ganzen Scheiß und exportiert ihn so erfolgreich?! Welche deutsche Ingenieurskunst erfindet Minen, die man nicht orten kann, Streumunition, die zwar geächtet aber trotzdem dort unten verballert wird, bis die Läger leer sind?! Urangeschosse, die seit fast 20 Jahren zu Krebsspätfolgen im ehemaligen Jugoslawien führten?! Und nun Drohnen mit stolzen Startups in Deutschland, die von Politik und Medien gefeiert und gehätschelt werden mit zweistelligen Zuwachsraten und sicheren Arbeitsplätzen?! Mann, wir haben wieder mal den Kompass verloren, nichts gelernt.

Nachmittags als Alexandra von Arbeit kommt, muss ich reinen Tisch machen. Meine Frau hatte sich keine Illusion gemacht, das ist zumindest für uns beide ehrlich. Es ist verdammt gefährlich geworden. Der Krieg hat sich im letzten Jahr nochmals perfide weiterentwickelt: Drohnen greifen alles an, was sich bewegt, setzen Minen ab, fliegen in Gebäude. 
Grischa hatte die Lage am ersten Abend präzise erläutert und Attacken auf seinen Hilfskonvoi gefilmt. Die Fahrertür liegt bei ihm noch im Garten. 

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Was für ein geiles Reallabor für unsere innovative Forschung. Wir können wieder Exportweltmeister werden?! Wir sind für mich inzwischen völlig irre!!!
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Abends 17 Uhr: Es war meine selbst gesetzte Deadline, zum Adventssingen der Brüdergemeinde in Döbeln zu sein. Dafür sind wir schon sonntags gestartet und mein Geburtstag der Anreisetag. Ich wollte unbedingt "runterkommen", von meinem Kopfkino. Die Gedanken bei Besinnlichkeit und Gesang verdrängen. Es gelang mir nicht mit den Büchern (Anm.: die sich Sven mit auf die Reise nahm zum Lesen), keine Zeile wurde gelesen und es gelingt dieses Mal auch nicht hier. Zu stark sind die Eindrücke. Der Gesang lenkt nur kurz ab. Der Bericht muss noch fertig geschrieben werden. 

Abspann 2025

Sonntagabend, 14.12.2025: Es ist alles gesagt, Grischa und Denis sind wohl schon wieder auf der Fahrt nach Saporischschja und Nikopol. Grischa meinte noch vor zwei Tagen, es wäre dort sehr, sehr gefährlich. Denis schrieb, dass er weiter Menschen helfen möchte auch in großer Gefahr und Not. Es wird ihr 32. Einsatz zur Front dieses Jahr werden, wahrscheinlich mit weit über 100.000 km Fahrtstrecken bei Eis, Matsch, Sonne, Staub, ständigen Gefahren und Herausforderungen. Das letzte Foto zeigt Denis mit Familie beim Beladen in Cernovtsi am 8.12.25. Das dritte kleine achtmonatige Mädchen ist nicht dabei.
Wenn wir ihnen mit unserer Unterstützung auch nur einen Tropfen bringen, so ist es doch laut Grischa dieser göttliche Tropfen in der Wüste. Dafür war es jeden Kilometer und jede Entbehrung wert. 
Gott möge sie weiterhin begleiten und beschützen. Wir sind in Gedanken bei ihnen.
Ich muss jetzt aufhören, habe fertig. Ende. конец.

Die Kinder haben eure Weihnachtsgeschenke erhalten

Viktor, 15.12.2025 um 9.09 Uhr: Vielen Dank für die Geschenke ❤️🤝

Liebe Döbelner, liebe Menschheitsfamilie,
ein Ende ist immer auch ein Neuanfang zugleich. Wir geben die Hoffnung auf Frieden nicht auf, auch wenn viele Tatsachen und Handlungen derzeit dagegen sprechen.
2024 im Dezember hatten wir Wanja versprochen, das Bethaus in Cherson wieder gemeinsam mit ihm wieder aufzubauen - wenn endlich Frieden herrscht.
Die Hoffnung stirbt zuletzt, allerdings ist Frieden mehr als Glück. Er muss bewahrt und auch errungen werden.
Wir versuchen weiter zu helfen und zu unterstützen wo es geht und werden euch über unsere Aktivitäten dazu auf dem Laufenden halten.

Das Team der Weihnachtspost und die unterstützenden Akteure riefen zum mittlerweile beendeten Crowdfunding auf.

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Mit dem Geld wird der Bau von Unterkünften für Frontflüchtlinge des Krieges an der Grenze zu Rumänien unterstützt. Dort werden aktuell Häuser in Modulbauweise aufgebaut und dringend finanzielle Mittel dafür benötigt.
Unter dem Link zum Crowdfunding erfahrt ihr mehr darüber: www.startnext.com/weihnachtspost

Nehmt Kontakt zu uns auf.